






Allein sein heisst, in guter Gesellschaft zu sein. Daran denkt, wer „Circular Hocket“ hört, die zweite Solo-CD des Flötisten Andreas Stahel. Während knapp 60 Minuten musiziert Stahel auf Kontrabass- und Bassflöte, und nicht eine Sekunde lang wünscht man sich, dass noch ein anderer Musiker dabei wäre bei den zehn Stücken. Diese Klänge müssen ganz einfach solo gespielt sein. Und gerade weil Virtuosität hier nicht Selbstzweck ist, darf man staunen über sie.
Wie schon bei seiner ersten Solo-CD „Helix Felix“ lässt einen Stahel in minimalistische Klänge eintauchen, in groovende Patterns, in die Weiten fast unbewegter Soundscapes. In „Circular Hocket I“ exponiert der Flötist ein Motiv, verändert es in der Mikrostruktur, verdichtet es; mit seiner Vokalstimme erzeugt er zusätzliche Töne, baut so rotierende Minimalismen aus Flöte und Stimme. Im mitreissenden „Wheel Trance I“ lässt er, wie einst Minimal-Altmeister Steve Reich in der berühmten „Piano Phase“, ein 12/8-Motiv durchlaufen und changiert es in den Nuancen. Mit Atemgeräuschen simuliert er Schlagzeugrhythmen, akzentuiert Töne. Das ist alles streng gebaut. Es herrschen Sorgfalt und grösste Kontrolle. Dies sind Studien eines Präzisionsmechanikers.
Die ultratiefe, fast im Bodenlosen spielende Kontrabassflöte hat etwas Elementares. Und immer ist da wieder zu hören, wie Stahel tief Atem schöpft. Das ist mit Sicherheit Absicht. Der Atem gehört zu diesen Tönen wie das Luftgeräusch zum Wind. Dies ist eine Musik vor der Herrschaft des Apparats, der Technik. Atem und Klang sind dasselbe.
Christoph Merki, Tages Anzeiger, 9. August 2008
Schöpferischer Atem
Andreas Stahels CD «Circular Hocket» ist eine faszinierende Klangreise zwischen hypnotischen Patterns und ungewöhnlichen Ambient-Sounds.
Vor vier Jahren liess Andreas Stahel mit seiner Début-CD «Helix Felix» aufhorchen. Alleine und ohne elektronische Hilfsmittel schafft er das Kunststück, den Ton seiner Instrumente durch den Einsatz der Stimme so stark zu verfremden, dass man über weite Strecken seinen Ohren nicht traut...
Nun folgt mit «Circular Hocket» Stahels zweiter Streich, wiederum veröffentlicht auf Tonus-Music-Records, dem Label des Berner New-Minimal-Pioniers Don Li. Mit Li teilt Stahel ein vehementes Interesse am hypnotischen Potenzial repetitiver Patterns und an der Reduktion auf das Wesentliche. So verwendet er auf der neuen CD ausschliesslich das Material einer einzigen Tonleiter und er konzentriert sich ganz auf die Klangmöglichkeiten von Bass- und Kontrabassflöte, die er wiederum durch seine Stimme erweitert...
Was Albert Mangelsdorff für die Posaune und Evan Parker für das Sopransaxophon getan hat, das tut Andreas Stahel für die Flöte: die verblüffende Erweiterung ins Mehrstimmige. Im Gegensatz zu Mangelsdorff und Parker ist er allerdings weder der Ästhetik des Jazz noch der freien improvisierten Musik verpflichtet; seine Orientierungspunkte sind vielmehr die amerikanische Minimal Music auf der einen und Folklore auf der anderen Seite (am besten im Eröffnungsstück «Steaming Shapes» zu hören)...
Tatsächlich wirkt Stahel weder auf der Bühne noch im Gespräch wie ein abgehobener Esoteriker, der über den Dingen schwebt, sondern wie ein von Neugierde und Ernsthaftigkeit getriebener Künstler mit einer klaren Vision, der unbeirrbar und mit grossem schöpferischem Atem seinen eigenen Weg geht.
Tom Gsteiger, der Landbote, 4. Juni 2008
Von der Kraft des Atems
Man mache die (Hör-)Probe aufs Exempel und spiele, stellvertretend für Andreas Stahels zweites Tonus-Music-Album «Circular Hocket», «Wheel Trance II» an: Auf die vermeintlich banale Frage nach der Anzahl der Musiker, welche diesen Sound generieren, werden die meisten «Versuchspersonen» vermutlich drei antworten. Falsch! Was die Boxen hier von sich geben, ist eine Soloperformance, die und das gilt für beinahe alle Titel auf der CD akustisch, ohne elektronische Hilfsmittel beziehungsweise Overdubs aufgenommen worden ist. Der Mann, der diese Tour de force zustande bringt, ist der 1967 in St. Gallen geborene Wahlwinterthurer Andreas Stahel, der wie kaum ein Zweiter, mit Leib und Seele, die Maxime vom Blasinstrument als der Verstärkung des eigenen Atems verkörpert.
Spektakuläre Verdichtung
Auf ebendieser grundsätzlichen Ebene funktioniert Stahels Musik, wobei die Kunst in der spektakulären Verdichtung des Atems liegt. Unter Einsatz der Bass- und der Kontrabassflöte sowie der eigenen Stimmbänder bringt der Flötist unterschiedliche Tonwelten hervor, deren Vielschichtigkeit die alleinige Urheberschaft Stahels Lügen zu strafen scheint.
Ob halluzinogene Schlaufen-Patterns, archaisch anmutende Beschwörungsformeln (so jedenfalls die Assoziation des Schreibenden) oder zarte, der Erdenschwere enthobene Sphärenklänge: Das neue Album zeigt, was für eine Kraft und potenzielle Formenvielfalt dem menschlichen Atem innewohnt.
Georg Modestin, Der Bund, 15.05.08
Eine Solo-CD nur mit Flöte? Darf man das? Ja, man darf. Man soll sogar, besonders, wenn man Andreas Stahel heisst. Aus den Klängen verschiedener Flöten, aus Singstimme, Blas-, Klappen- und Atemgeräuschen, aus Obertongesang und sogar Tanzschritten entsteht eine Musik von höchster Intensität. Flächige Klanggebilde stehen im Kontrast zu groovigen Ostinati, stilistisch bewegen sich die Kompositionen zwischen Minimal Music, Ambient, Ethno und zeitgenössischer Musik. Aus der Kombination von stupender Technik, langjähriger Kompositionserfahrung und sicherem Geschmack kreiert Stahel eine Klangwelt von ungewohnter Schönheit. Der Verzicht auf jegliche Overdubs und elektronische Effekte macht das Hörerlebnis nur noch organischer. Sehr beeindruckend!
Rainer Fröhlich, Jazz’n’more, Mai/Juni 2004
Die Zauberflöten
Die Musik von Andreas Stahel oszilliert zwischen repetitiver Trance und klanglicher Vielfarbigkeit.
Mit seiner Debüt-CD «Helix Felix» ist dem klassisch ausgebildeten Flötisten Andreas Stahel ein gleichermassen kompaktes und faszinierend vielschichtiges Werk geglückt, das aus dem Rahmen fällt.
Inspiriert von der Minimal Music und wohl auch von folkloristischen Musizierweisen hat der 1967 geborene Stahel zu einer Klangsprache gefunden, die ihren Drive aus repetitiven Mustern bezieht und die durch klangliche Vielfarbigkeit besticht: Zuweilen mag man kaum glauben, dass dieser Sound-Kosmos nur von einem Menschen geschaffen wird. Stahel ... arbeitet nicht mit elektronischen Tricks, sondern hat sich mittels «trial and error» eine Reihe spezieller Techniken angeeignet.
Dazu gehören die rhythmisierte Zirkularatmung, das mehrfache Überblasen, der gezielte Einsatz von Klappengeräuschen und die Verbindung von Gesang und Flötenspiel.
Der im Buddhismus stark verbreitete Obertongesang und die szenischen Performance-Elemente verleihen Stahels Auftritten die Form einer rituellen Zeremonie. Er selbst ist denn auch interessiert an der meditativen Wirkung von Musik... Tatsächlich wirkt Stahel weder auf der Bühne noch im Gespräch wie ein Esoteriker, sondern wie ein von Neugierde und Ernsthaftigkeit getriebener Künstler mit klaren Vorstellungen.
Tom Gsteiger, St.Galler Tagblatt, 22.Januar 2004
Akustischer Ambient
Die Ohren voller Klang, den Kopf voll sprudelnder Ideen, kann sich Stahel auf seine technische Virtuosität und seine musikalische Flexibilität verlassen.
Inspiriert von der Minimal Music, setzt er in den neun Kompositionen fast durchwegs auf Patterns, in denen sich Musik als Klanggeschehen, als akustischer Ambient jenseits verbindlicher Stile erweist. Auf «Helix Felix» gibt es jedoch mehrere Stücke, in denen sich Stahels Erfahrung in einzelnen Effekten oder Techniken konzentriert so staunt man immer wieder über die Zirkularatmung, über den rhythmischen Drive der Klappengeräusche oder auch darüber, wie kunstfertig Stahel Obertongesang und Flötenspiel verbindet (ohne Overdubbing oder andere elektronische Hilfsmittel)....
Wie souverän Stahel den Flötenklang als Komponist auffächern und unter einen berückenden Spannungsbogen bringen kann, beweist er einerseits in der eher dunklen letzten Nummer «Pax Multiplex», vor allem aber im überzeugenden Auftakt «Continuum». Faszinierend, wie sich hier die Atmosphäre verfärbt, von luftigen, durch den Atem weichgezeichneten Tönen bis hin zu giftig metallischem Flirren. Überzeugend aber auch der kompositorische Schwung, der die Phasenstruktur von Minimal in eine geradezu barocke Architektur überführt.
Ueli Bernays, NZZ, 9. Januar 2004
Phänomenal
Es war gegen Ende des Jahres 2002, da stand der Flötist und Klangakteur Andreas Stahel als Gast der Konzertreihe «musica aperta» im Rampenlicht des Theaters am Gleis in Winterthur. Das Publikum lauschte damals gebannt den diversen Möglichkeiten, Querflöte, Alt-, Bass- und Kontrabassflöten zu traktieren.
Der 1967 geborene Musiker hatte nach jahrelangem Ensemblespiel und fundierter Auseinandersetzung mit den Musikströmungen der jüngeren Vergangenheit einen eigenen Stil kreiert, der ihn bislang unverwechselbar macht. Das Minimalistische gehört unbedingt zu seinem Klangkonzept. Die rasch sich wiederholenden Tonfolgen entwickeln dabei einen Groove, der diese Musik ins Niemandsland zwischen avancierter E- und anspruchsvoller U-Musik verweist. Auch wenn es manchmal den Anschein hat, hier sei Elektronik im Spiel, diese Musik entsteht ohne jede Verbindung zu einer Steckdose. Gleichwohl teilt Andreas Stahel «Stromstösse» aus. Dank seiner ausgereiften Technik der Zirkuläratmung erzeugt er minutenlang Töne, deren Ursprung man ganz woanders als in einer «flauto traverso» vermuten möchte. Doch die «artfremden» Flötenklänge allein befriedigen den Unermüdlichen noch lange nicht. Mit Obertonsingen und rhythmischen Fussbewegungen garniert er seine selbst erfundenen Flötenstücke und weitet sie zu einem Feuerwerk der Mehrstimmigkeit aus. Viel von der magischen Anziehungskraft der «unirdischen», oszillierenden Klänge konnte auf dieser Studioaufnahme eingefangen werden. Was jedoch aussen vor bleiben muss, ist die visuelle Aufbereitung der Live-Auftritte Andreas Stahels, der mit seinen Körperinszenierungen auch sichtbar stimmige Kontrapunkte zu dem Gehörten setzt. Diese Musik lebt von und mit ihrem im wahrsten Sinne phänomenalen Erzeuger.
Anja Bühnemann, der Landbote, 19. Februar 2004